Brief an …

Hi,

Ich weiß – wir kennen uns vielleicht noch nicht so gut, aber ich möchte dir gerne mal sagen, dass ich dich vermisse.
Denn genau das ist der Punkt:
ich würd dich gerne besser kennen lernen. Würd gerne erfahren, wer du bist, was du machst, was du denkst. Wie es dir mit den Kindern geht. Wie ihr den Alltag regelt.
Das würd ich gerne wissen.
Wie geht es dir? Hast du manchmal einen Moment für dich? Bist du okay? Bist du auch so müde? Und tut dir auch manchmal das Herz weh vor so viel Liebe dass du den anderen unbedingt erzählen musst, was der Kleine jetzt wieder süßes gemacht hat? Ich vermisse, dass wir beim Kinder abholen einfach mal ne Runde erzählen können, was bei euch grad so los ist. Dass wir bei nem Kaffee unbeschwert nebeneinander sitzen können und erleichtert feststellen: „Ach, bei euch auch?“
Dass wir uns gemeinsam aufregen können darüber, wie bescheuert doch „die Anderen“ sind, darüber wie schlecht die Kinder schlafen und dass wir dankbar sind dafür, dass unsere Kinder spielen können. Lachen. Weinen. Lernen.
Ich vermisse, dass wir uns einfach verabreden. Mit 15 anderen gleichzeitig. Ich hab St. Martin vermisst und ich vermisse, dass ich mit euch dem Kindergarten helfen kann. Dass ich euch als Eltern von X – dem Besten Kindergartenfreund meines Sohnes einfach mal kennen lernen kann.
Ich würd gern wissen wie du heißt. Und wie alt du bist. Und ich würd gern wissen ob ich eigentlich die Einzige bin. Die Einzige die manchmal beim Anziehen gerne genauso schreien würde wie das Kind vor ihr. Die manchmal am Rande ihrer Kräfte steht. Ob ich eigentlich die Einzige bin, die manchmal einfach gerne einen Moment Ruhe haben würde – so ganz ohne schlechtes Gewissen dafür, dass man die Kinder jetzt eben einfach mal gerne abgeben würde.
Gott sei Dank habe ich diese Möglichkeit. Noch.
Ich weiß, dass wir – die Eltern die zu Hause sind und nicht berufstätig sind (ich sagen bewusst nicht „die nicht arbeiten“) und erst recht die, die zusätzlich noch berufstätig sind –  einander brauchen. Lasst uns also kreativ werden.
Warum nicht mal draußen an der Feuerschale treffen? Mit einem anderen Haushalt, Kinderpunsch und ein paar guten Geschichten. Na klar ersetzt das keine Weihnachtsfeier – aber fanden wir die nicht eh immer ein bisschen nervig? Lasst uns nicht den Kontakt verlieren. Lasst uns Nachrichten, Sprachnachrichten und Videoanrufe austauschen. Lasst uns nachfragen: Wie ist das eigentlich bei dir? Und bin ich eigentlich die Einzige? Covid-19 ist stark. Aber lasst uns dieser ätzenden Krankheit in den Arsch treten und gemeinsam füreinander da sein.
Mit Abstand.
Und Anstand.
Denn ich vermiss euch.

Anlässlich des Ewigkeitssonntags 2017 in St. Katharinen

„Das Leben geht weiter!“
Welch ein törichter Spruch,
denn nichts geht mehr weiter – dein Leben zu Bruch.
Im Moment als sie sagten, dass du nicht mehr bist,
blieb auch mein Leben stehen – öde und trist.
An diesem Tag, da dein Leben still stand,
starrte ich blind auf das weiß an der Wand.
Ich konnte nichts fühlen, nichts sagen, nichts tun,
nur Gedanken an dich, die konnten nicht ruh´n.
Als ich dort saß wurd´ ich plötzlich erschreckt,
der Kuckuck der Uhr wurde fröhlich erweckt.
Er rief seinen Ruf, riss mich aus meiner Welt,
erinnert mich daran, dass er die Zeit zählt.
Danach war es unüberhörbar, „Tack, Tick, Tack, Tick“ –
auf das Pendel der Uhr fiel unaufhörlich mein Blick.

Das Leben geht weiter – das ist teilweise wahr,
doch ohne dich macht das Glück sich sehr rar.
Und der andere Teil der Wahrheit ist,
dass das Leben ohne dich so anstrengend ist.
Denn jede Faser meines Seins würde nichts lieber machen,
als noch einmal mit dir wieder herzlich zu lachen.

Eine weitere Facette der Ehrlichkeit ist,
dass mein Herz jeden Tag dich noch schmerzlich vermisst.
Du fehlst mir als Vertrauter, als Mutter, als Freund
und vor allem als jemand, der es gut mit mir meint.
Doch das Leben geht weiter, das muss ich begreifen,
in mir lasse ich diesen Gedanken reifen.
Dann stelle ich fest: wir hatten so gute Zeiten,
bezaubernde Wege und Möglichkeiten.
Wir haben Menschen getroffen und du hast sie geprägt,
hast mit Worten und Taten ihre Herzen bewegt.

Viele von ihnen kommen jetzt noch zu mir und teilen mir mit, was sie mochten an dir.
Dankbar höre ich, was sie erzählen
doch würde ich selbst manch andres Wort wählen.
Denn manchmal konnte ich dich nicht leiden,
da wollte ich deine Gegenwart meiden.
Hin und wieder warst du unausstehlich,
du Holzkopf so stur und so unbeweglich!
Doch selbst deine Marotten, die liebte ich sehr.
Deine Schwächen zu dulden viel mir meistens nicht schwer.

Das Leben geht weiter – es ist anders und neu
und ohne dich fühl´ ich mich häufig noch scheu.
Das erste Mal ohne dich ins Theater zu gehen
fühlte sich falsch an, einsam, nicht schön.
Doch ich machte weiter, im zähen Kampfe für dich,
ging ich voran und fand dabei mich.
Und heute feier ich den stillen Triumph,
denn selbst wenn der Schmerz immer noch da ist ganz dumpf,
so nimmt er ja etwas ab Tag für Tag
und ich kann wieder denken, dass ich das Leben doch mag.
Durch deinen Tod hab ich vieles verlor´n,
doch bin ich ein Stück weit auch wie neu gebor´n.
Ein stilles Hoffen bleibt in deinem Gehen:
dass wir uns irgendwann wieder sehen.

 

©Almut Völkner 2017

„Ich liebe des Nordens endlose Alleen, ich liebe die Strände an Flüssen und Seen.
Ich lieb es am Wasser spazieren zu gehen und lieb´ wenn die Winde die Wellen verweh´n.
Ich liebe die Kites und die Bretter der Surfer, ich liebe auch die verlassenen Dörfer.
Ich liebe des Sandes natürliches Peeling, und trinke statt Kaffee auch gern mal Darjeeling.
Ich liebe Begriffe wie ´plempern´ und ´Moin´,
und will mich über ´tüddeliche Hosenschiddä´ freu´n.“

Mein Mann lebte in der Schweiz, ich in Rostock. Wir  hatten noch nicht ganz zusammen gefunden, und bevor ich ihm erklären konnte, dass ich ihn liebe, musste ich ihm erklären, wie sehr ich Rostock liebe.
Ich feierte den kurzen Triumpf, dass der Hammel für mich nach Rostock zog. Doch Rostock meinte es leider nicht gut mit uns, und so musste die Vernuft siegen. Nach wie vor vermisse ich das Wasser, den Strand und die Kröpi.
Meine Kinder werden dich als meine offene Liebe kennen lernen, Rostock!

 

 

 

Impressum
ALMUT VÖLKNER     |     kontakt@almut-wortkunst.de     |     0176 - 61474791